Krankheitsangst verstehen: Der Teufelskreis der Krankheitsangst erklärt
Warum können harmlose Körpersymptome plötzlich große Angst auslösen? Erfahre, wie Krankheitsangst entsteht, warum sie sich selbst verstärken kann und welche Rolle die eigene Bewertung dabei spielt.
Ein kurzes Herzstolpern. Ein Ziehen im Brustkorb. Schwindel beim Aufstehen. Ein Kribbeln im Arm.
Solche Körperempfindungen kennt praktisch jeder Mensch. Meist werden sie kurz wahrgenommen und geraten anschließend wieder in Vergessenheit. Bei ausgeprägter Krankheitsangst kann jedoch etwas anderes passieren: Eine körperliche Empfindung wird als mögliches Zeichen einer schweren Erkrankung interpretiert – und genau diese Bewertung kann eine Angstspirale in Gang setzen.
In diesem Artikel erfährst du, wie Krankheitsangst funktioniert, warum Angst selbst körperliche Symptome hervorrufen kann und weshalb sich der Kreislauf manchmal immer weiter verstärkt.
In Kürze
- Krankheitsangst entsteht nicht allein durch eine Körperempfindung, sondern auch durch die Bedeutung, die ihr gegeben wird.
- Angst kann selbst körperliche Veränderungen wie Herzklopfen, Schwindel oder Anspannung hervorrufen.
- Diese Veränderungen können wiederum als Bestätigung der ursprünglichen Befürchtung interpretiert werden.
- So kann ein Teufelskreis entstehen, der sich immer wieder selbst in Gang setzt.
- Der erste Schritt besteht darin, diesen Mechanismus überhaupt zu erkennen.
Inhalt
- Was ist Krankheitsangst?
- Der Teufelskreis der Krankheitsangst
- Warum sich der Kreislauf selbst verstärkt
- Warum die Aufmerksamkeit für den Körper zunimmt
- Sicherheitsverhalten und Vermeidung: Kurzfristige Erleichterung, langfristige Aufrechterhaltung
- Was hilft beim ersten Schritt?
- Fazit
- Häufige Fragen
1. Was ist Krankheitsangst?
Krankheitsangst beschreibt die anhaltende Sorge, ernsthaft krank zu sein oder zu werden. Dabei kann die Angst sowohl bei tatsächlich vorhandenen körperlichen Beschwerden als auch bei weitgehend unauffälligen oder bereits medizinisch abgeklärten Körperempfindungen auftreten.
Umgangssprachlich wird häufig von „Hypochondrie“ gesprochen. In der International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11) wird die entsprechende Störung als „Hypochondriasis“ bezeichnet. Auch der Begriff „Illness anxiety disorder“ wird dafür verwendet. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Körpersymptom als die Art und Weise, wie es wahrgenommen und bewertet wird.
Ein Herzstolpern kann beispielsweise als harmlose körperliche Reaktion wahrgenommen werden. Es kann aber auch den Gedanken auslösen: „Was, wenn das ein Zeichen für eine schwere Herzerkrankung ist?“. Damit verändert sich die Situation. Aus einer Körperempfindung wird eine mögliche Bedrohung. Genau hier beginnt häufig der Teufelskreis der Krankheitsangst.
2. Der Teufelskreis der Krankheitsangst
Der Kreislauf lässt sich vereinfacht in mehrere Schritte unterteilen.

1. Eine Körperempfindung tritt auf
Am Anfang steht häufig ein körperliches Signal. Der Herzschlag wird plötzlich stärker wahrgenommen. Beim Aufstehen wird einem kurz schwindelig. Nach einer sportlichen Belastung fühlt sich die Atmung anders an. Der Körper produziert ständig solche Signale. Viele davon werden überhaupt nicht bewusst wahrgenommen.
2. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Körper
Bei Krankheitsangst kann die Aufmerksamkeit sehr schnell nach innen wandern. Der Herzschlag wird genauer beobachtet. Der Brustkorb wird auf weitere Empfindungen überprüft. Das Kribbeln wird daraufhin kontrolliert, ob es noch vorhanden ist. Je genauer wir auf eine Körperempfindung achten, desto auffälliger kann sie werden.
3. Die Empfindung wird bewertet
Jetzt kommt ein entscheidender Schritt. Aus „Mein Herz schlägt gerade ungewöhnlich“ wird möglicherweise: „Das könnte ein Herzproblem sein“ oder: „Vielleicht steckt eine ernste Erkrankung dahinter“. Die körperliche Empfindung hat sich dadurch nicht zwangsläufig verändert. Ihre Bedeutung hat sich verändert.
4. Angst entsteht
Wird die Empfindung als Bedrohung bewertet, reagiert der Körper auf diese wahrgenommene Gefahr. Der Puls kann steigen, die Atmung verändert sich, Muskeln spannen sich an und die Aufmerksamkeit wird noch stärker auf den Körper gelenkt. Damit entstehen möglicherweise neue Empfindungen. Und genau hier schließt sich der Kreis.
3. Warum sich der Kreislauf selbst verstärkt
Die neuen körperlichen Veränderungen können wiederum als Hinweis auf eine Erkrankung interpretiert werden. „Jetzt wird mein Herz noch schneller“, „Jetzt kommt auch noch dieses Engegefühl dazu“, „Es wird schlimmer – vielleicht ist wirklich etwas nicht in Ordnung“. So kann aus einer einzelnen Empfindung eine ganze Kette von Wahrnehmungen und Bewertungen entstehen.
Das Entscheidende daran: Die körperlichen Symptome der Angst sind real. Sie sind nicht „eingebildet“. Gleichzeitig bedeutet ein körperliches Angstsymptom nicht automatisch, dass die ursprüngliche Befürchtung, eine schwere Erkrankung zu haben, richtig ist. Genau diese Unterscheidung ist für das Verständnis von Krankheitsangst wichtig.
4. Warum die Aufmerksamkeit für den Körper zunimmt
Krankheitsangst kann dazu führen, dass der eigene Körper immer genauer beobachtet wird. Einmal wird der Puls überprüft. Dann wird darauf geachtet, ob das Herz wieder stolpert. Anschließend wird vielleicht die Atmung beobachtet. Und plötzlich fallen weitere kleine Empfindungen auf, die vorher gar keine Bedeutung hatten.
Das kann dazu führen, dass der Körper zunehmend wie ein Warnsystem überwacht wird. Dabei entsteht leicht der Eindruck: „Ich entdecke ständig neue Symptome“. Tatsächlich kann sich aber auch die Aufmerksamkeit verändert haben. Je mehr Aufmerksamkeit auf den Körper gerichtet wird, desto mehr körperliche Veränderungen können auffallen.
5. Sicherheitsverhalten und Vermeidung: Kurzfristige Erleichterung, langfristige Aufrechterhaltung
Wenn Krankheitsangst aufkommt, reagieren viele Menschen intuitiv mit Sicherheitsverhalten oder Vermeidung. Dazu gehören zum Beispiel das wiederholte Abtasten des Körpers, Symptome googeln, Rückversicherung beim Arzt oder das Messen von Puls und Blutdruck. Vermeidung kann sich etwa darin zeigen, körperliche Anstrengung oder Gespräche über Krankheiten aus Sorge vor beunruhigenden Empfindungen zu vermeiden.
Beide Strategien können kurzfristig beruhigen. Langfristig kann dadurch jedoch die Erfahrung ausbleiben, dass sich Angst, Unsicherheit und Körpersymptome auch ohne Kontrolle oder Vermeidung aushalten lassen. Sicherheitsverhalten und Rückversicherung wurden bereits in frühen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Modellen als aufrechterhaltende Faktoren der Krankheitsangst beschrieben (Salkovskis & Warwick, 1986).
Entscheidend ist dabei nicht die Handlung selbst, sondern ihre Funktion. Eine medizinisch sinnvolle Untersuchung ist nicht automatisch Sicherheitsverhalten. Problematisch kann es werden, wenn Kontrolle, Rückversicherung oder Vermeidung vor allem dazu dienen, Angst möglichst schnell zu reduzieren.
Mehr dazu erfährst du in den Artikeln Symptome googeln bei Krankheitsangst: Warum es die Angst verstärken kann und Sicherheitsverhalten bei Krankheitsangst: Warum Kontrolle kurzfristig beruhigt.
6. Was hilft beim ersten Schritt?
Den Teufelskreis der Angst zu verstehen, beseitigt die Angst nicht automatisch. Aber es verändert eine wichtige Perspektive: Nicht jede Körperempfindung ist eine Bedrohung – und die Angst vor einer Empfindung kann wiederum neue körperliche Empfindungen hervorbringen. Der entscheidende Ansatzpunkt liegt deshalb nicht ausschließlich beim Körper. Es lohnt sich auch zu beobachten:
- Was habe ich gerade wahrgenommen?
- Welche Bedeutung gebe ich dieser Empfindung?
- Was befürchte ich?
- Was tue ich anschließend, um Sicherheit zu bekommen?
- Was passiert mit meiner Angst danach?
Damit beginnt die eigentliche Veränderung: Die automatische Reaktion wird sichtbar. Wie Sicherheitsverhalten, Googeln und Rückversicherung den Kreislauf zusätzlich aufrechterhalten können, erklären die folgenden Artikel ausführlicher.
7. Fazit
Krankheitsangst entsteht nicht allein durch eine körperliche Empfindung. Entscheidend ist auch, wie diese Empfindung wahrgenommen und bewertet wird. Wird ein Körpersignal als mögliche Bedrohung interpretiert, kann Angst entstehen – und die körperliche Reaktion auf diese Angst wiederum weitere Empfindungen hervorbringen.
So kann ein Kreislauf entstehen, in dem Körperwahrnehmung, bedrohliche Gedanken, Angst und der Wunsch nach Sicherheit sich gegenseitig verstärken.
Dabei können auch Sicherheitsverhalten und Vermeidung eine Rolle spielen. Sie können kurzfristig beruhigen, gleichzeitig aber dazu beitragen, dass die Angst langfristig bestehen bleibt.
Der erste Schritt besteht deshalb nicht darin, jede Körperempfindung zu kontrollieren oder absolute Sicherheit zu erreichen. Es kann vielmehr helfen, den eigenen Kreislauf zu erkennen und wahrzunehmen: Was spüre ich? Was denke ich darüber? Und was tue ich, wenn die Angst entsteht?
Genau dieses Verständnis schafft eine wichtige Grundlage dafür, den eigenen Umgang mit Krankheitsangst Schritt für Schritt zu verändern.
Du möchtest Krankheitsangst nicht nur verstehen, sondern verändern?
Im Kopfsache-Kurs erfährst du, wie Krankheitsangst entsteht und was sie aufrechterhalten kann. Mit wissenschaftlich fundierter Psychoedukation, alltagsnahen Übungen und strukturierter Selbstreflexion lernst du, deinen eigenen Angstkreislauf besser zu verstehen und Schritt für Schritt neue Wege im Umgang mit Unsicherheit und Kontrolle auszuprobieren.
8. Häufige Fragen
Kann Krankheitsangst körperliche Symptome verursachen?
Krankheitsangst ist grundsätzlich behandelbar. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem von Ausprägung, Dauer und individuellen Begleitumständen ab.
Kann Krankheitsangst körperliche Symptome verursachen?
Ja. Angst kann körperliche Veränderungen hervorrufen, beispielsweise Herzklopfen, Muskelanspannung, Schwitzen oder Veränderungen der Atmung. Diese Empfindungen können wiederum Angst auslösen oder verstärken.
Ist Krankheitsangst dasselbe wie Hypochondrie?
Die Begriffe werden im Alltag teilweise synonym verwendet. In der ICD-11 findet sich die Diagnose „Hypochondriasis (health anxiety disorder)“. Der Begriff Krankheitsangst beschreibt dabei verständlicher, worum es im Kern geht: die anhaltende Angst vor Krankheit.
Was hilft gegen Krankheitsangst?
Ein wichtiger Ansatz besteht darin, die eigenen Bewertungs- und Verhaltensmuster zu erkennen und schrittweise zu verändern. Dabei können psychotherapeutische Verfahren eine wichtige Rolle spielen.
Quellen
Salkovskis, P. M., & Warwick, H. M. C. (1986). Morbid preoccupations, health anxiety and reassurance: A cognitive-behavioural approach to hypochondriasis. Behaviour Research and Therapy, 24(5), 597–602. https://doi.org/10.1016/0005-7967(86)90041-0
World Health Organization. (2019). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.). https://icd.who.int/
Über die Autorin
Angelina Weitkämper | M.Sc. Psychologie | Approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie)
Ich vermittle wissenschaftlich fundierte Inhalte der Kognitiven Verhaltenstherapie verständlich und alltagsnah. Die Fachartikel bei Kopfsache verbinden psychologisches Wissen mit konkreten Denkanstößen für den Alltag.