Symptome googeln am Smartphone

Symptome googeln bei Krankheitsangst: Warum es die Angst verstärken kann

Ein Symptom taucht auf, du öffnest Google – und wenige Minuten später bist du überzeugt, dass etwas Ernstes dahinterstecken könnte. Warum die Suche nach Beruhigung die Krankheitsangst manchmal sogar verstärkt.

Ein kurzer Suchmoment kann sich zunächst beruhigend anfühlen: Du bekommst eine mögliche Erklärung, findest Informationen und hast für einen Moment das Gefühl, die Situation besser einschätzen zu können. Bei Krankheitsangst kann daraus jedoch schnell ein Kreislauf entstehen. Denn je mehr du suchst, desto mehr neue Möglichkeiten und Zweifel können auftauchen.

In diesem Artikel erfährst du, warum Symptome googeln bei Krankheitsangst kurzfristig beruhigen kann, wie daraus ein Sicherheitsverhalten entstehen kann und warum die Suche nach Gewissheit die Unsicherheit manchmal sogar verstärkt.

In Kürze

  • Symptome googeln kann kurzfristig beruhigen.
  • das Phänomen wird auch Cyberchondrie genannt
  • Die Beruhigung hält bei Krankheitsangst häufig nicht lange an.
  • Weitere Suchanfragen können neue Zweifel erzeugen.
  • Wiederholtes Symptome googeln kann zu einem Sicherheitsverhalten werden.
  • Entscheidend ist nicht die einzelne Suche, sondern die Funktion, die sie im Angstkreislauf übernimmt.

Inhalt

  1. Warum Symptome googeln zunächst so hilfreich wirkt
  2. Das Problem mit der Gewissheit
  3. Der typische Google-Kreislauf
  4. Warum Suchmaschinen Krankheitsangst nicht lösen können
  5. Wenn Beruhigung nicht mehr ausreicht
  6. Was stattdessen gelernt werden soll
  7. Ein kleiner Beobachtungsversuch
  8. Fazit
  9. Häufige Fragen

Was bedeutet „Dr. Google“?

„Dr. Google“ beschreibt die Gewohnheit, körperliche Beschwerden selbst im Internet zu recherchieren. Für viele Menschen ist das unproblematisch. Bei Krankheitsangst kann diese Suche jedoch Teil eines Kreislaufs werden, in dem Unsicherheit immer wieder kurzfristig beruhigt – und langfristig verstärkt wird.

1. Warum Symptome googeln zunächst so hilfreich wirkt

Wenn Angst entsteht, möchte das Gehirn möglichst schnell eine Erklärung finden. Google scheint dafür perfekt geeignet zu sein. Du gibst ein: „Herzstolpern gefährlich?“. Du findest eine Erklärung. Die Angst sinkt. Für einen Moment fühlt sich das Problem gelöst an.

Genau diese kurzfristige Erleichterung kann jedoch dazu führen, dass sich das Verhalten festigt. Beim nächsten Herzstolpern erinnert sich das Gehirn:  „Wenn ich unsicher bin, muss ich nachschauen.“ Und schon beginnt die nächste Suche.

Ein Name für das Phänomen: Cyberchondrie

Für das wiederholte, angstgetriebene Symptome googeln hat sich in Fachkreisen der Begriff Cyberchondrie etabliert – zusammengesetzt aus „Cyber“ und „Hypochondrie“. Er beschreibt keine eigenständige, klassifizierte Diagnose, sondern ein Phänomen: eine unbegründete Angst oder erhöhte Wachsamkeit gegenüber ernsten Erkrankungen, die durch die Beschäftigung mit Internetinhalten entsteht oder verstärkt wird. Cyberchondrie kann eng mit Krankheitsangst zusammenhängen, muss aber nicht zwangsläufig in eine diagnostizierbare Störung münden – entscheidend ist auch hier, wie sehr das Verhalten den Alltag bestimmt und ob es tatsächlich zur Beruhigung beiträgt oder die Sorge eher aufrechterhält.

2. Das Problem mit der Gewissheit

Krankheitsangst dreht sich häufig um eine schwierige Frage: „Wie kann ich hundertprozentig sicher sein, dass nichts Ernstes dahintersteckt?“. Das Problem: Absolute Sicherheit ist im Alltag kaum erreichbar. Eine Suchmaschine kann keine individuelle Diagnose stellen. Auch ein einzelner Artikel kann nicht beantworten, was eine konkrete körperliche Empfindung bei einer bestimmten Person bedeutet. Trotzdem kann die Suche kurzfristig das Gefühl vermitteln, man könne die Unsicherheit durch genügend Informationen vollständig beseitigen. Und genau hier kann ein Kreislauf entstehen.

3. Der typische Google-Kreislauf

  1. Eine Körperempfindung taucht auf: Du bemerkst beispielsweise ein Herzstolpern.
  2. Ein bedrohlicher Gedanke entsteht: „Was, wenn das etwas mit meinem Herzen ist?“
  3. Du beginnst zu suchen: Du gibst das Symptom bei Google ein.
  4. Die Angst sinkt kurzfristig: Du findest eine harmlose Erklärung.
  5. Neue Zweifel tauchen auf: „Aber was, wenn es doch etwas anderes ist?“. Also suchst du weiter.
  6. Die Suche wird immer spezifischer: Aus „Herzstolpern“ wird vielleicht: „Herzstolpern nachts“,  „Herzstolpern und Brustdruck“, „Herzstolpern gefährliches Zeichen“. 

Die Suche liefert immer neue Informationen. Und damit auch immer neue Möglichkeiten, sich Sorgen zu machen. Suchanfragen können sich dabei zunehmend zuspitzen – aus einer allgemeinen Suche nach einem Symptom wird eine immer spezifischere Suche nach möglichen schweren Erkrankungen.

4. Warum Suchmaschinen Krankheitsangst nicht lösen können

Eine Suchmaschine ordnet Informationen nach Suchbegriffen – nicht nach deiner individuellen medizinischen Situation. Viele Erkrankungen teilen sich einzelne Symptome. Das bedeutet: Ein Symptom allein sagt häufig wenig darüber aus, welche Ursache tatsächlich vorliegt. 

Bei Krankheitsangst kann das Problem zusätzlich darin bestehen, dass Informationen nicht neutral aufgenommen werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich besonders auf die Treffer, die zur eigenen Befürchtung passen. 

Das kann beispielsweise so aussehen: „Diese Erkrankung kann Schwindel verursachen.“ Dieser Satz wird stark wahrgenommen. Informationen, die gegen die Befürchtung sprechen, werden dagegen möglicherweise weniger beachtet.

5. Wenn Beruhigung nicht mehr ausreicht

Ein typisches Zeichen für einen ungünstigen Kreislauf ist, dass eine Suche nicht mehr zu einem Abschluss führt. Statt: „Ich habe nachgeschaut und kann jetzt loslassen.“ entsteht: „Das beruhigt mich – aber was, wenn …?“. Dann beginnt die nächste Suche. Und noch eine. Und noch eine.

Nicht die Informationssuche selbst ist dabei das Problem. Entscheidend ist ihre Funktion. Wenn Symptome googeln vor allem dazu dient, Angst und Unsicherheit sofort loszuwerden, kann daraus ein Sicherheitsverhalten werden.

6. Was stattdessen gelernt werden soll

Bei der Behandlung von Krankheitsangst geht es nicht darum, niemals wieder etwas über Gesundheit zu lesen. Es geht um eine andere Erfahrung: „Ich kann eine gewisse Unsicherheit aushalten, ohne sofort kontrollieren oder recherchieren zu müssen.“. Das ist etwas anderes als die Überzeugung: „Ich weiß sicher, dass nichts passieren kann.“. Die erste Haltung akzeptiert Unsicherheit. Die zweite versucht, sie vollständig zu beseitigen. Gerade bei Krankheitsangst kann dieser Unterschied entscheidend sein.

7. Ein kleiner Beobachtungsversuch

Wenn du dich beim nächsten Mal dabei ertappst, Symptome googeln zu wollen, kannst du zunächst eine andere Frage stellen: „Was möchte ich durch diese Suche gerade erreichen?“. Möchte ich tatsächlich Informationen? Oder möchte ich vor allem das unangenehme Gefühl von Unsicherheit loswerden? Allein diese Unterscheidung kann helfen, den eigenen Kreislauf besser zu verstehen.

Wenn du neue oder starke körperliche Beschwerden hast, sollte die Frage nach einer medizinischen Abklärung unabhängig davon betrachtet werden. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung.

8. Fazit

Symptome googeln kann sich wie eine Lösung anfühlen. Bei Krankheitsangst kann die wiederholte Suche nach Sicherheit jedoch Teil des Problems werden: Die Angst sinkt kurzfristig, aber das Gehirn lernt möglicherweise, dass Unsicherheit nur dann auszuhalten ist, wenn vorher kontrolliert oder recherchiert wurde.

Der Ausweg besteht deshalb nicht darin, die perfekte Suchanfrage zu finden. Sondern darin, schrittweise eine neue Erfahrung zu machen: Ich muss nicht jede Unsicherheit sofort auflösen.

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9. Häufige Fragen

Ist Symptome googeln immer schlecht?

Nein. Informationen über Gesundheit zu suchen ist grundsätzlich nicht problematisch. Entscheidend ist, ob die Suche vor allem dazu dient, Unsicherheit immer wieder sofort zu beruhigen.

Warum macht das Symptome googeln meine Angst schlimmer?

Weil die kurzfristige Beruhigung dazu führen kann, dass das Gehirn lernt, bei jeder Unsicherheit erneut nach Sicherheit zu suchen.

Was ist Dr. Google?

„Dr. Google“ bezeichnet umgangssprachlich die Gewohnheit, gesundheitliche Beschwerden selbst im Internet zu recherchieren. Bei Krankheitsangst kann dieses Verhalten Teil des Angstkreislaufs werden.

Wie höre ich auf, ständig Symptome zu googeln?

Ein erster Schritt besteht darin, den Impuls zum Googeln wahrzunehmen und sich zu fragen, ob gerade Informationen oder Beruhigung gesucht werden.

Quellen

Salkovskis, P. M., & Warwick, H. M. C. (1986). Morbid preoccupations, health anxiety and reassurance: A cognitive-behavioural approach to hypochondriasis. Behaviour Research and Therapy, 24(5), 597–602. https://doi.org/10.1016/0005-7967(86)90041-0

World Health Organization. (2019). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.). https://icd.who.int/

Über die Autorin

Angelina Weitkämper | M.Sc. Psychologie | Approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie)

Ich vermittle wissenschaftlich fundierte Inhalte der Kognitiven Verhaltenstherapie verständlich und alltagsnah. Die Fachartikel bei Kopfsache verbinden psychologisches Wissen mit konkreten Denkanstößen für den Alltag.

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