Sicherheitsverhalten bei Krankheitsangst: Warum Kontrolle nur kurzfristig beruhigt
Puls messen, Symptome googeln, den Körper abtasten oder Angehörige um Beruhigung bitten: Warum solche Strategien kurzfristig helfen können – und langfristig den Kreislauf der Krankheitsangst aufrechterhalten können.
Wenn Krankheitsangst aufkommt, entsteht oft sofort der Wunsch, etwas zu tun: den Puls messen, den Körper überprüfen, Symptome googeln oder jemanden um Beruhigung bitten. Die Erleichterung, die dadurch entsteht, kann sich zunächst wie eine Lösung anfühlen.
Doch genau diese kurzfristige Beruhigung kann dazu beitragen, dass sich das Verhalten immer wiederholt. In diesem Artikel erfährst du, was Sicherheitsverhalten ist, warum es kurzfristig hilft und wie es langfristig dazu beitragen kann, dass die Krankheitsangst bestehen bleibt.
In Kürze
- Sicherheitsverhalten kann kurzfristig Angst und Unsicherheit reduzieren.
- Dazu gehören zum Beispiel Pulsmessen, Körperkontrolle, Googeln oder Rückversicherung durch andere.
- Die kurzfristige Erleichterung kann dazu führen, dass sich das Verhalten immer wiederholt.
- Dadurch bekommt das Gehirn weniger Gelegenheit zu lernen, dass Angst auch ohne Kontrolle wieder abklingen kann.
- Entscheidend ist deshalb nicht nur, was du tust, sondern welche Funktion das Verhalten für dich hat.
- Ziel ist nicht, notwendige medizinische Abklärung zu vermeiden, sondern den Umgang mit angstgetriebener Kontrolle zu verändern.
Inhalt
- Was ist Sicherheitsverhalten?
- Warum Sicherheitsverhalten zunächst funktioniert
- Der Lernkreislauf
- Warum Kontrolle die Angst langfristig aufrechterhalten kann
- Das Ziel ist nicht: niemals mehr kontrollieren
- Was passiert, wenn man weniger kontrolliert?
- Ein erster Schritt
- Fazit
- Häufige Fragen
1. Was ist Sicherheitsverhalten?
Den Puls messen. Eine Körperstelle ein zweites mal abtasten oder die Partnerin fragen: „Meinst du, das ist wirklich nichts?“. All diese Verhaltensweisen können bei Krankheitsängsten kurzfristig Erleichterung bringen. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden solche Reaktionen unter anderem als Sicherheitsverhalten bezeichnet.
Sicherheitsverhalten umfasst Handlungen, die eine Person ausführt, um die eigene Angst zu reduzieren. Vermeidungsverhalten sind Verhaltensweisen, die eine befürchtete Gefahr verhindern sollen. Bei Krankheitsangst kann das beispielsweise sein:
- den Puls immer wieder messen
- Blutdruck oder Sauerstoff kontrollieren
- den Körper nach Auffälligkeiten absuchen
- Symptome googeln
- bestimmte Körperstellen wiederholt abtasten
- Angehörige nach ihrer Einschätzung fragen
- wiederholt ärztliche Rückversicherung suchen
- körperliche Aktivitäten aus Angst vor Krankheit vermeiden
- bestimmte Situationen verlassen, sobald ein Körpersymptom auftritt
Das Entscheidende ist nicht die Handlung selbst. Entscheidend ist ihre Funktion. Ein Arztbesuch kann medizinisch sinnvoll und notwendig sein. Eine Blutdruckmessung kann medizinisch sinnvoll sein. Auch eine Recherche zu einem Gesundheitsthema kann völlig unproblematisch sein. Problematisch kann es werden, wenn die Handlung immer wieder eingesetzt wird, um eine Angst möglichst schnell zu beruhigen.
2. Warum Sicherheitsverhalten zunächst funktioniert
Sicherheitsverhalten hat einen offensichtlichen Vorteil: Es reduziert die Angst. Es gibt Sicherheit. Du misst deinen Puls. Der Wert ist unauffällig. Du fühlst dich erleichtert. Oder du fragst jemanden: „Du glaubst doch nicht, dass das etwas Ernstes ist?“. Die Person beruhigt dich. Die Angst sinkt. Das Gehirn speichert dabei jedoch möglicherweise nicht nur: „Es war nichts.“, sondern auch: „Gut, dass ich kontrolliert habe.“. Damit wird Kontrolle zu einer Art Voraussetzung für Sicherheit.
3. Der Lernkreislauf
Stell dir vor, du bemerkst Herzstolpern. Du bekommst Angst. Du misst deinen Puls. Der Wert ist unauffällig. Die Angst sinkt. Beim nächsten Herzstolpern entsteht deshalb möglicherweise noch schneller der Impuls: „Ich muss wieder messen.“. So kann sich ein Kreislauf entwickeln:
**Körperempfindung → Angst → Kontrolle → Erleichterung → nächste Körperempfindung → erneut Kontrolle**
Die kurzfristige Erleichterung verstärkt dabei den Wunsch, die Kontrolle beim nächsten Mal wieder einzusetzen.
4. Warum Kontrolle die Angst langfristig aufrechterhalten kann
Wenn du eine befürchtete Situation immer mit Sicherheitsverhalten bewältigst, fehlt eine wichtige Erfahrung: „Ich kann diese Situation auch ohne Kontrolle aushalten.“. Das Gehirn bekommt dadurch weniger Gelegenheit zu lernen, dass Angst auch ohne Sicherheitsritual wieder abklingen kann. Das ist einer der Gründe, warum Verhaltensexperimente und die schrittweise Veränderung von Sicherheitsverhalten eine wichtige Rolle in kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen spielen können.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Nehmen wir an, du spürst beim Spaziergang einen schnelleren Herzschlag.
Der erste Gedanke: „Mein Herz fühlt sich komisch an.“. Dann: „Was, wenn etwas nicht stimmt?“. Du bleibst stehen und misst deinen Puls. Der Wert ist normal. Du gehst weiter. Wenig später spürst du erneut deinen Herzschlag. Jetzt wird die Angst vielleicht noch stärker: „Warum passiert das schon wieder?“. Also misst du erneut. Kurz darauf kontrollierst du vielleicht zusätzlich deine Atmung. Und zu Hause recherchierst du das Symptom.
Was ursprünglich ein einzelnes Körpersignal war, ist inzwischen zu einem großen Überwachungssystem geworden.
5. Das Ziel ist nicht: niemals mehr kontrollieren
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Es geht nicht darum, jede medizinische Kontrolle grundsätzlich zu vermeiden. Neue, starke oder unklare Beschwerden sollten medizinisch angemessen abgeklärt werden. Und medizinisch notwendige Untersuchungen sind kein „Sicherheitsverhalten“, nur weil jemand Angst hat.
Die Frage lautet vielmehr: „Brauche ich diese Handlung aus medizinischen Gründen – oder brauche ich sie gerade, damit meine Angst sinkt?“. Diese Frage kann helfen, den eigenen Kreislauf zu erkennen.
6. Was passiert, wenn man weniger kontrolliert?
Wenn Sicherheitsverhalten reduziert wird, kann die Angst zunächst sogar steigen. Das ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Es kann bedeuten, dass eine bisher vertraute Strategie wegfällt. Mit therapeutischer Begleitung können Menschen dann neue Erfahrungen machen:
„Die Angst war stark – aber sie ist wieder zurückgegangen.“
Oder: „Ich habe die Empfindung wahrgenommen, ohne sie sofort zu überprüfen.“
Oder: „Ich konnte die Unsicherheit aushalten, ohne eine Rückversicherung zu bekommen.“
Solche Erfahrungen können langfristig die Angst reduzieren.
7. Ein erster Schritt
Du musst nicht sofort jedes Sicherheitsverhalten aufgeben. Beginne zunächst mit Beobachtung. Frage dich:
- Was habe ich gerade wahrgenommen?
- Welche Befürchtung ist entstanden?
- Was möchte ich jetzt kontrollieren?
- Welche Erleichterung erhoffe ich mir davon?
- Wie lange hält diese Erleichterung normalerweise an?
Damit wird sichtbar, welche Funktion das Verhalten in deinem persönlichen Angstkreislauf hat.
8. Fazit
Sicherheitsverhalten ist verständlich. Es entsteht aus dem Wunsch, sich vor einer möglichen Gefahr zu schützen und unangenehme Angst schnell zu reduzieren. Bei Krankheitsangst kann genau diese kurzfristige Erleichterung jedoch dazu beitragen, dass Kontrolle immer wichtiger wird. Der langfristige Lernschritt besteht deshalb nicht darin, absolute Sicherheit zu erreichen. Sondern darin, zunehmend die Erfahrung zu machen:
„Ich kann Unsicherheit aushalten, ohne sofort kontrollieren zu müssen.“
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9. Häufige Fragen
Was zählt bei Krankheitsangst als Sicherheitsverhalten?
Sicherheitsverhalten sind Handlungen, die dazu dienen, eine befürchtete Gefahr zu verhindern oder die eigene Angst und Unsicherheit zu reduzieren. Dazu können zum Beispiel wiederholtes Pulsmessen, das Abtasten des Körpers, Symptome googeln oder das Einholen von Rückversicherung gehören. Entscheidend ist dabei nicht die Handlung selbst, sondern ihre Funktion.
Ist jede Kontrolle meines Körpers ein Sicherheitsverhalten?
Nein. Körperliche Veränderungen wahrzunehmen oder medizinisch sinnvolle Kontrollen durchzuführen, ist nicht automatisch Sicherheitsverhalten. Problematisch kann es werden, wenn du deinen Körper immer wieder kontrollierst, vor allem mit dem Ziel, Angst zu reduzieren oder absolute Sicherheit zu bekommen.
Warum beruhigt mich Sicherheitsverhalten nur so kurz?
Weil die Handlung die Angst zwar im Moment reduzieren kann, die zugrunde liegende Unsicherheit aber bestehen bleibt. Dadurch kann sich der Gedanke entwickeln: „Zum Glück habe ich kontrolliert.“ Beim nächsten Körpersymptom entsteht dann möglicherweise erneut der Impuls zu kontrollieren.
Kann Sicherheitsverhalten die Krankheitsangst verstärken?
Es kann dazu beitragen, dass sich die Krankheitsangst aufrechterhält. Wenn Angst immer wieder durch Kontrolle oder Rückversicherung reduziert wird, bekommt das Gehirn weniger Gelegenheit zu lernen, dass Unsicherheit auch ohne diese Strategien ausgehalten werden kann.
Sollte ich deshalb gar nicht mehr meinen Puls messen oder Symptome googeln?
Nein. Es geht nicht darum, medizinisch sinnvolle Kontrollen oder Informationen grundsätzlich zu vermeiden. Entscheidend ist die Frage, ob eine Handlung aus medizinischen Gründen notwendig ist oder vor allem dazu dient, Angst und Unsicherheit möglichst schnell zu beruhigen.
Was kann ich tun, wenn ich den Impuls zur Kontrolle bemerke?
Ein erster Schritt kann sein, den Impuls zunächst bewusst wahrzunehmen, statt automatisch darauf zu reagieren. Du kannst dich fragen: „Was befürchte ich gerade?“ und „Möchte ich gerade wirklich Informationen – oder möchte ich vor allem meine Unsicherheit loswerden?“. So wird der eigene Angstkreislauf besser sichtbar.
Quellen
Salkovskis, P. M., & Warwick, H. M. C. (1986). Morbid preoccupations, health anxiety and reassurance: A cognitive-behavioural approach to hypochondriasis. Behaviour Research and Therapy, 24(5), 597–602. https://doi.org/10.1016/0005-7967(86)90041-0
World Health Organization. (2019). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.). https://icd.who.int/
Über die Autorin
Angelina Weitkämper | M.Sc. Psychologie | Approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Kognitive Verhaltenstherapie)
Ich vermittle wissenschaftlich fundierte Inhalte der Kognitiven Verhaltenstherapie verständlich und alltagsnah. Die Fachartikel bei Kopfsache verbinden psychologisches Wissen mit konkreten Denkanstößen für den Alltag.